Goodnight Sweetheart

Installation, Performance, Workshop

Laufzeit: 

17/03/2017 bis 28/04/2017

Öffnungszeiten: 

Dienstag – Freitag

14.00 – 19.00 Uhr

und nach Vereinbarung

Schließtage: Karwoche (11. – 14. April 2017)

Eröffnung: 

Donnerstag, 16. März 2017 - 19:00

Termine: 

Video: 

Foto: Alexis Bellavance, © esc medien kunst labor

Goodnight Sweetheart ist ein Service zur Einbalsamierung von Daten und Geräten, eine Beisetzung digitaler Spuren und Identitäten, präsentiert als Installation. Daten in Harz einbalsamiert für die ewige Ruhe, stillgelegte Geräte in Plastikwürfel gegossen, bilden einen Friedhof kristalliner Erinnerungen.

Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, wie es wäre, wenn es keine digitalen Spuren mehr von Ihnen gibt — keine Posts, Selfies, Likes, Tweets, Check-Ins, Chat-Sessions, archivierten Fotos und E-Mails etc.? Wir wissen nie so recht, was wir mit unseren alten Datenträgern, Festplatten und Telefonen anfangen sollen, die voll von unseren Informationen sind — manchmal Geheimnisse über uns selbst, die wir bereits vergessen haben, oder von denen wir zumindest vergessen haben, welche Spuren sie hinterließen. Wir zögern, uns von ihnen zu trennen, sind nicht sicher, ob wir sie loswerden wollen — was wird mit ihnen passieren, wer wird sie finden und zu welchem Zweck verwenden? Wir wissen nicht, ob unsere Bedenken gerechtfertigt sind, aber wir hegen sie.

Im Wissen um den hoffnungslosen Versuch des Löschens ist Goodnight Sweetheart ein Service zur Einbalsamierung von Daten und Geräten, eine Beisetzung für digitale Spuren und Identitäten, präsentiert als Installation. Stillgelegte Geräte, in Plastikwürfel gegossen, hängen von der Decke und bilden einen Friedhof kristalliner Erinnerungen. In Harz einbalsamiert sind Daten für die Ewigkeit konserviert. Gezeigt wird eine Installation, ein Hain einbalsamierter Geräte.

In einer Performance zeigt Audrey Samson eine Daten-Einbalsamierung unter Verwendung von „Snowden-Files“.

Löschung, ein Versuch die Datafizierung zu überschreiten
Audrey Samson

Selfies, E-Mail Archive, Twitter Nachrichten, Likes, Places, Logfiles nächtlicher Chats, Datensätze der Krankenversicherung, Banküberweisungen, Suchverläufe... all jene Identitätsstückchen, unfreiwillig verewigt als Persönlichkeitsprofile auf kommerziellen Serverfarmen. Könnte Löschung eine Atempause von der endlosen Datafizierung gewähren? Dieses „untote Medium“ (Chun 134) ermöglicht nicht nur den Überwachungsapparat, die Beständigkeit der Daten beeinflusst auch, wie wir erinnern. Das Thema des Digitalen Nachlasses (Belange des digitalen Datenbesitzes nach dem Tod) zeigt, wie die Struktur und die inneren Mechanismen von Netzwerktechnologien und Softwareplattformen unsere Erfahrung konkret berühren. Die folgende Forschungsarbeit ist damit befasst, welche Rolle die Materialität von Internettechnologien im Digitalen Nachlass spielt und wie sie auf unsere Trauerarbeit abfärbt. Sie untersucht, wie Facebook und Google mit dem digitalen Nachlass umgehen und welche Konsequenzen die Materialität des Netzwerkes mit sich bringt. Die Konzeption von Materialität wird hier als Interaktionsraum zwischen Code und Hardware (Hayles) verstanden und als wahrgenommene Materialisierung von Phänomenen, die durch die Dynamiken von „Intra-Aktionen“ (Barad 140) iterativ konfiguriert werden. In den angeführten Beispielen habe ich Nutzungsbedingungen und deren Auswirkung auf das Gedächtnis analysiert, die als externalisierte tertiäre Retention im Prozess der „Grammatisierung“ (Stiegler 3) stattfinden. Die Untersuchung befasst sich ebenso mit der Materialität des biologischen menschlichen Gedächtnisses und dem Bedürfnis zu vergessen (Kirschenbaum).

Digitalem Nachlass kommt wachsende Bedeutung zu, denn persönliche Daten und Archive werden zunehmend digitalisiert und auf Netzwerkservern gespeichert. Er bezieht sich auf Fragen, die um das Eigentum an den Daten nach dem Tod einer Person kreisen. In den letzten Jahren haben zahlreiche Start-Ups begonnen, diese Frage zu adressieren, ebenso Konzerne wie Facebook, Google und Twitter. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter haben eine steigende Zahl verstorbener User. [1] Diese Firmen haben dementsprechend Richtlinien dafür entwickelt, was nach dem Tod ihrer Mitglieder passiert. [2]

 

Facebook bietet die Option, ein Profil in einen Gedenkzustand zu versetzen, während Twitter das Nutzerkonto schließt. Ik R.I.P. war eine 2009 entwickelte Plattform, die dieses neue Problem betrachtete. [3] Sie erlaubte den Nutzer*innen der Mediamatic Website, ein digitales Testament ihrer Mediamatic Profile zu verfassen. In jüngerer Zeit kamen Firmen wie das in Hong Kong ansässige Perpetu hinzu, welche sich darum kümmern, unser digitales Erbe nach dem Tod zu regeln, als eine Art digitaler Nachlassverwalter unseres Lebens in sozialen Netzen. [4] LivesOn ist eine Plattform, die verspricht, unser Twitter Konto nach unserem Tod basierend auf unserem bisherigen Verhalten (mittels KI) fortzuführen. [5] Eterni.me geht einen Schritt weiter und sieht vor, „fast alles, was du zu Lebzeiten hervorbringst“ [6] zu sammeln, um dann einen Avatar zu generieren, welcher den Verstorbenen nachbildet und als ein Interface fungiert, über welches die Angehörigen auf diese Datenbank des Lebens Zugriff erhalten. Eine Menge von Firmen bietet Dienstleistungen an, um Passwörter zu digitalen Daten zu schützen und sie nach dem Tod an eine vereinbarte Person abzutreten (Legacy Locker, Entrustnet, Digizeker). Einige Dienste beinhalten die Weitergabe von Nachrichten an zuvor festgelegte Personen bei Todesfall (Deathswitch). Auch gibt es eine Fülle von Gedenkplattformen (Life.Vu, Forever Missed.com, Legacy.com, Tributes.com, Remembered.com, iLasting.com, Last Memories.com). In den meisten Fällen geht es um das Bemühen, Wege zu finden, wie der Zugang zu Daten aufrecht erhalten werden kann, nachdem eine Person stirbt, in einigen Fällen sogar um die Simulation des Verstorbenen.

 

Sehr wenig jedoch wird über die Löschung von digitalen Daten gesagt. In Delete: The Virtue of Forgetting in the Digital Age befasst sich Viktor Mayer-Schönberger mit Fragen des Datenschutzes im Gefolge digitaler Archivierung. So kann etwa das der digitalen Information inhärente Fehlen von Kontext zu einer späten Heimsuchung werden. Jemand kann seinen Job aufgrund eines geschmacklosen Bildes verlieren, das zehn Jahre zuvor gepostet wurde, oder ihm kann die Einreise in ein Land verweigert werden. Viele der Initiativen, die über Digitalen Nachlass nachdenken, befassen sich mit Fragen des Datenschutzes oder den politischen und sozialen Auswirkungen zurückgelassener Daten. [7] Zum Beispiel: Wer soll die Rechte an den Daten einer Person bekommen, nachdem sie gestorben ist? Es gibt einen weiteren Aspekt des Digitalen Nachlasses, auf den Mayer-Schönberger hinweist, nämlich dass Vergessen von größter Bedeutung ist. Es ist integraler Bestandteil des Gehirns, kein Defekt, welcher ihm erlaubt ordnungsgemäß zu arbeiten. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Universität Basel scheint es so zu sein, dass das Gehirn aktiv Informationen löscht und dass eine Unterbrechung dieses Prozesses zu Geisteskrankheiten führen kann (Hadziselimovic et al.). Obgleich wir unser Gedächtnis als schwindend empfinden mögen, scheint doch die selektive Speicherung eine beabsichtigte Arbeitsweise zu sein.

 

Somit stellt sich die Frage, wie sich die durch das Aufkommen digitaler Technologie und billiger Massenspeicher ermöglichte, nahezu unbegrenzte Archivierung auf unser Bedürfnis nach Vergessen auswirkt? Wendy Chun sagt, dass “Computer Erinnerung mit Speicherung verschmolzen” haben („computers have conflated memory with storage“) (134). Sie erklärt, dass die Art, wie Informationen im Computer abgelegt werden (im RAM oder Direktzugriffsspeicher) das Aufbewahren von Erinnerungen ersetzt hat. Die Materialität der Speichergeräte wie etwa Festplatten erlaubt das forensische Wiederherstellen von Daten, selbst nachdem sie gelöscht wurden. Sie sind als solche beständig. Allerdings ist die kontextuelle Information, die die Daten umgeben hat, verloren, die Erfahrung ihrer Benutzung ist vergänglich. Somit sind Daten „untot“ (Chun 135), irgendwo in der Schwebe zwischen Leben und Tod, an- und abwesend. Darüber hinaus verspricht Software Ewigkeit durch fortwährendes Auslesen und Regenerieren. Software führt fortwährend aus: Lesen-Schreiben. Obwohl die Idee ihrer Permanenz aufgrund der schnellen Überholung paradox ist, wird die Illusion aufrechterhalten. Möglicherweise liegt darin einer der Gründe, warum Online-Trauer so verbreitet ist: Das Versprechen digitaler Daten, haltbar zu sein, spricht das Verlangen an, den Tod zu sublimieren.

 

Archivierte Daten sind eine Form von Hinterlassenschaft. Daneben erinnert uns Jacques Derrida in Archive Fever daran, dass das Archiv auch ein Ort der Macht ist. [8] Bernard Stiegler glaubt, dass Erinnerung vom Technischen bestimmt wird. Unter Verwendung von Husserls Konzept der Zeitlichkeit postuliert er, dass tertiäre Erinnerung durch etwas, das er „Grammatisierung“ (Stiegler 3) nennt, externalisiert wurde. Zeitgenössische Formen der Grammatisierung sind das Schreiben auf digitale und auf numerische Medien. In dieser Hinsicht ist die Online-Trauer nicht nur durch ihr Versprechen des Ewigen verführerisch, sondern sie wird auch von den post-mortem Bedingungen der Datafizierung bestimmt. Das heißt, unsere externalisierte Erinnerung, wie sie z.B. in den Datenbanken von Facebook, Google und Twitter abgelegt ist, wird durch die Geschäftsbedingungen dieser Plattformen bestimmt. Der digitale Tod hat Probleme von Dateneigentum und Überwachung lange vor Edward Snowden klar aufgezeigt. In den Anfängen von MySpace und Yahoo Mail waren Angehörige, die Anspruch oder Zugriff auf das Profil oder den E-Mail Account eines Verstorbenen verlangten, damit konfrontiert, dass ihnen diese Rechte fehlten. [9] Wenn man einmal Daten ins Netzwerk hochgeladen hatte, verzichtete man damit auf Kontrolle und Eigentum (es sei denn, man lud die Daten auf einen eigenen Server hoch und hatte physischen Zugang dazu, aber selbst dann war es strittig). Der Skandal um gehackte Nacktfotos einer Schauspielerin (über iCloud) zeigt, wie einfach digitale Daten in der Cloud ohne das Wissen des Eigentümers abgegriffen werden können. [10]

 

Um die post-mortem Bedingungen der Datafizierung zu illustrieren, betrachte ich Facebook und Google als Beispiele. Im Falle Facebooks gibt es zwei mögliche Optionen, wenn eine Person stirbt: Gedenkzustand oder Löschung. Diejenige Person, die auf das Profil des Verstorbenen einwirken will, muss Facebook eine Sterbeurkunde präsentieren. Eine Seite im Gedenkzustand kann nicht länger modifiziert werden und sollte nicht länger in Vorschlägen auftauchen, wie Personen, die du vielleicht kennst oder Geburtstagserinnerungen. [11] In Abhängigkeit von den Privatsphäre-Einstellungen beim Wechsel in den Gedenkzustand können Freunde weiterhin Nachrichten auf der Timeline hinterlassen. Interessanterweise kann jeder private Nachrichten an den Verstorbenen senden, jedoch erlaubt es Facebook nicht, dass man sich in den Account im Gedenkzustand einloggt, um diese Nachrichten zu lesen. Wohin gehen diese privaten Nachrichten?

 

Die andere Option ist, das Profil löschen zu lassen. Obwohl dies nicht eigens angeboten wird für den Todesfall, so kann doch eine dritte Person die Accountlöschung verfügen, wenn die/der Profileigentümer selbst dazu nicht (mehr) in der Lage ist. Dieser Service wird normalerweise angeboten, wenn ein „Freund oder ein Familienmitglied ... unwiderruflich psychisch oder physisch außerstande ist, sein Facebook-Konto zu nutzen“. [12] Facebook prüft den Antrag und entscheidet, ob es ihn bewilligt oder nicht. Zusätzlich ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die Löschung im wesentlichen symbolisch ist, denn aus einer Reihe von Gründen ist es unmöglich, alle Daten zu löschen. Facebook löscht die Spuren einer Person nicht vollständig. Facebook gibt an, dass die meisten persönlich identifizierbaren Informationen im Zusammenhang mit dem Konto, wie etwa die E-Mail Adressen, aus der Datenbank entfernt werden, während einige persönlich identifizierbare Informationen erhalten bleiben, wie etwa der Name des Kontoinhabers, falls Nachrichten an eine andere Person geschickt worden sind. Auch die Materialität des Netzwerkes bestimmt das Fortleben der Daten. Facebook gibt an: „Kopien einiger Materialien (z. B. Fotos, Notizen) können ... in unserer Datenbank gespeichert bleiben“. [13] Dies hat technische Gründe, die auf der Natur des Netzwerkes und der Plattform des sozialen Netzes beruhen. Spuren bleiben auf Servern zurück. Anders gesagt, sobald ein digitales Objekt (zum Beispiel ein Bild) verlinkt oder geteilt worden ist, sind diese Instanzen ewig aufgrund ihrer, wie Chun sagt, fortwährenden Verbreitung. Beide Fälle liefern unterschiedliche Bedingungen der Datafizierung und wirken unterschiedlich auf die Erfahrung des Trauerns. In beiden Fällen jedoch leben die Daten weiter.

 

Google katalogisiert und archiviert viele Aspekte unseres Daseins: in Gmail, Drive, Calendar, dem Suchverlauf, Google+, Wallet, Talk, dem Standortverlauf, u.a. Der Suchverlauf, wie auch andere Google Dienste, kann theoretisch nach einer angegebenen Dauer von Inaktivität gelöscht werden, wenn sich der Kontoinhaber in den Kontoinaktivität-Manager Dienst eingetragen hat, der Antwort Googles auf den digitalen Tod. Dieser Google Dienst bietet die Option, Kontakte zu benachrichtigen und Daten zu teilen, wobei man die Zeitspanne angibt,nach welcher ein Konto als inaktiv gilt (z.B. zwölf Monate); und ferner die Option, das Konto zu löschen. Auffallend ist, dass Daten mit anderen Kontakten geteilt, nicht jedoch abgetreten werden können. Wenn die Löschoption gewählt wird, gibt es nichtsdestotrotz einige Bestandteile, die nicht gelöscht werden können, wie etwa Server Protokolldateien. [14] Wenn eine Website besucht wird, wird die Anfrage, die vom Browser des Benutzers an den Server geschickt wird, automatisch aufgezeichnet.

 

Diese Anfrage enthält Informationen wie die Internet-Protokoll Adresse (IP) des Benutzers, Datum und Uhrzeit der Anfrage, die Wörter, welche im Suchfeld eingegeben wurden, und eine eindeutige Cookie Kennung. Der Cookie kann gelöscht werden, aber jedes Mal, wenn ein bestimmtes Gerät verwendet wird, wird ein Cookie erneut zugewiesen. Die IP zeigt außerdem den geographischen Standort, von dem aus die Anfrage gemacht wurde. Dementsprechend können die Server- Protokolldateien ein relativ umfangreiches Bild vom Suchverlauf eines Benutzers geben. Google weist eigens darauf hin, dass es „dienstbezogene Informationen zu Ihrem Konto speichern (kann), beispielsweise welche Produkte Sie verwendet haben und wann, um Spam und Missbrauch zu verhindern und um (Googles) Dienste zu verbessern.“ [15] Während Systemverwalter Server- Protokolldateien dazu verwenden, Probleme im Netzwerk zu erkennen, bleibt es unklar, wie lange diese Aufzeichnungen gespeichert bleiben. Auch wenn Google anonyme Kennungen verwendet, kann die Wirksamkeit der Anonymisierung bezweifelt werden. Bestimmte Online-Umfragen haben kürzlich gezeigt, wie einfach es ist, eine Person mit Hilfe weniger einfacher Fragen zu identifizieren. [16] Die Frage nach der Anonymität ist berechtigt.

 

Der Umgang mit den Daten und Spuren, die in Zusammenhang mit dem Suchverlauf nach dem Tod einer Person verbleiben, hängen davon ab,welche Optionen die/der Kontoninhaber*in als Inaktivitätsprofil gewählt hat. Wurde das Konto nicht mit diesem Service verknüpft, dann bestehen die Daten in den Datenbanken fort. Selbst wenn das Konto entsprechend verknüpft und die Option zur Löschung des Kontos gewählt war, so können die aufbewahrten Server-Protokolldateien den Suchverlauf der Person und damit auch ihr Verhalten und ihre Interessen widerspiegeln. Möglicherweise werden wir sogar über unseren Tod hinaus untersucht und vermarktet—in einer Art Nekro-Finanzialisierung unserer Daten. [17] Wie auch im Falle Facebooks ist eine vollständige Löschung nicht möglich, sowohl aufgrund von Googles Geschäftsbedingungen als auch aufgrund der Materialität des Netzwerkes, die so beschaffen ist, dass Daten sich selbst in einer praktisch unumkehrbaren Weise fortpflanzen. Unsere Daten (mit Betonung, da sie nun nicht mehr unsere sind) werden also nicht mehr nur auf Serverfarmen gespeichert, lange nachdem wir tot sind, sondern sie sind auch an die präzisen Klauseln gebunden, auf die wir keinen Einfluss, über die wir keine Handlungsmacht haben. Dieser Umstand bestimmt nicht nur die Überwachungsmöglichkeiten, die für so viel Aufsehen gesorgt haben, sondern auch die Rahmenbedingungen der Trauerarbeit, ob in Form von Profilen im Gedenkzustand und Kontoinaktivitäts-Managern oder in Form von untoten Medien.

 

Wie Matthew Kirschenbaum in Mechanisms: New Media and the Forensic Imagination zeigt, beeinflusst die forensische Materialität von Daten die Weise, wie Daten gelesen und damit erfahrbar werden. Er tut dies unter Zuhilfenahme eines Programms zum Anzeigen von Disk Images am Beispiel des Computerspiels Mystery House, das auf einer Floppy Diskette gespeichert ist. Er erläutert, wie die physische Aufteilung der Daten und ihre Speicherung in den Magnetspuren der Floppy Auswirkungen auf die Textualität der Geschichte hat. Nicht nur ist die physische Geometrie von Mystery_House.dsk verletzbar durch die volumetrische Speicherlogik, Kirschenbaum behauptet auch, dass „ein Floppy Disk Image ebenso die Hand des Lesers oder des Benutzers verraten kann“ (127). Sein Modell kritischer Praxis kultiviert eine dichte Textualität, welche die Besonderheiten des individuellen Speichermediums berücksichtigt, ähnlich der forensischen Analyse des Tatorts eines Verbrechens. Kirschenbaums Ansatz erinnert uns an den dinghaften Aspekt digitaler Daten. Obgleich Daten als immateriell gedacht werden könnten, wenn Metaphern wie der Äther oder die Cloud so weitreichend verwendet werden, so wirkt der Angebotscharakter (affordances) der Materialität von Daten auf die Bedingungen von Datafizierung ein. Jetzt da fortwährend Big Data angehäuft wird, bleiben die Materialität von Daten und die Frage ihrer Löschung nicht länger ein Problem, das allein mit digitalem Tod und Trauer zu tun hat, sondern auch mit Privatsphäre, Eigentum von Daten, Überwachung, Cyber-Mobbing und so weiter. Das Recht auf Löschung und/oder Vergessen, jüngst vor dem Europäischen Gerichtshof gegen Google verhandelt, [18] zeigt das Herausbilden dieser Realität und die Konsequenzen der Materialität von Daten. Das Gerichtsurteil kann als politische Geste und Versuch gewertet werden, über Quantifizierung hinauszugehen.

 

Interessanterweise hat die neueste kognitive Neurowissenschaft gezeigt, dass das Gedächtnis möglicherweise nicht ein einmaliger Einschreibungsvorgang ist (Konsolidierung genannt), tatsächlich ändert sogar das Rückrufen einer Erinnerung seine Natur (und damit seinen Inhalt). Synapsen, verantwortlich für die Übertragung zwischen Neuronen, sind hochgradig veränderlich. Synaptische Netzwerke wachsen auf der Basis des chemischen Austauschs, welcher Erinnerungen formt und zurückholt. Beispielsweise können Erinnerungen, die mit Angst verknüpft sind, wenn sie reaktiviert werden, leicht verändert und in einen Zustand versetzt werden, der eine Proteinsynthese für die Rekonsolidierung erfordert (Nader et al). Es hat den Anschein, dass eine Erinnerung dann, wenn sie durch Wiederabrufen reaktiviert wird, labil wird und sich somit verändert. Dieser Prozess des Lesens/Schreibens, den das Gedächtnis durchläuft, könnte es am Ort der Ausführung (execution) anstelle der Speicherung (storage) plazieren, um die informatischen Begriffe zu verwenden. Wenn Bits neu geschrieben werden (lesen/schreiben), werden elektrische Impulse gesendet, welche die Null zur Eins oder die Eins zur Null werden lassen. Die Ausführung könnte auch als Übertragung verstanden werden, oder genauer gesagt, dass der Ort der Ausführung die Übertragung selbst ist. Das menschliche Gedächtnis formt sich in der Übertragung von chemischen Stoffen zwischen Neuronen, die sich nie berühren.

 

Die chemisch bedingte Veränderung, die an der Synapse auftritt, selbst ein „Zwischenraum“, ist der Ort der Genese, wo neue und modifizierte Erinnerungen geboren werden. Damit ist Übertragung ein Werden. Wenn Zeit (und Politik) effektiv getilgt wird/werden kann durch systematisches Umschreiben von Geschichte, wo bleiben wir dann? Der Ort der Ausführung wird politisiert. Wenn dies zum Beispiel innerhalb der Nutzungsbedingungen von Facebook oder Google auftritt, dann bleiben uns keine Regreßansprüche, und unser Gedächtnis wird unter dem kommerziellen Skalpell unbeständig. Das Archivfieber steigt inmitten der Grammatisierung auf kommerziellen Servern, systematischer Überwachung und Datenbeständigkeit an; die Materialität von Daten lockt uns in die Falle, indem sie uns entschlüpft, wie Heidegger warnt. Indem man sich ansieht, wie Facebook und Google mit dem Digitalen Nachlass umgehen, gelangen die Materialität des Netzwerkes und einige seiner Konsequenzen in den Vordergrund. Die untoten Daten, ein Phänomen, das durch den (Software) Code der Plattform und die Netzwerkinfrastruktur erzeugt wird, suchen uns und unser Bedürfnis nach Vergessen heim. Mayer-Schönberger erinnert uns an die sozialen Implikationen dieser digitalen Archive. Im Lichte der Entwicklungen der kognitiven Neurowissenschaft mögen wir Löschung als einen wichtigen Teil des Archivierens begreifen und Gedächtnis als einen dynamischen Prozess denken, der fortwährend ausgeführt wird, der in der Übertragung passiert. Das englische Wort „execution“ (Ausführung) selbst stammt von exécuteur ab (französisch des 12. Jahrhunderts), der Person, die für die Umsetzung des testamentarischen Willens verantwortlich ist. Die Arbeit ist eine Art Begräbnisdienst digitaler Daten, ist eine Geste, die mit dem Ort der Ausführung spielt. Das Projekt ist absichtlich naiv in seiner Auffassung von digitalen Daten, nichtsdestotrotz wirft es durch ein Ritual des Trauerns Fragen auf, die die Krise der Datafizierung betreffen. Trauer ist die gravierendste der menschlichen Emotionen, sie konfrontiert den Trauernden tiefgehend mit der Materialität des menschlichen Lebens. Bring uns Deine Daten, und wir werden sie beisetzen.

 

Anmerkungen

[1] Entrustnet hat berechnet, dass diese Zahl Ende 2012 bei 3 Million auf Facebook lag. Siehe http://www.huffingtonpost.com/2012/12/07/death-facebook-dead-profiles_n_.... Siehe XKCD für eine Projektion zukünftiger Zahlen: https://what-if.xkcd.com/69/.

[2] Siehe Twitters Richtlinien, die 2010 in Kraft traten: http://www.thedigitalbeyond.com/2010/08/twitter-adopts-policy-for-deceas..., und Facebook: http://www.thedigitalbeyond.com/2012/02/what-happens-to-your-facebook-ac....

[3] Ik R.I.P.: http://www.mediamatic.net/73602/en/www-ikrip-nl.

[4] Perpetu: https://perpetu.co/.

[5] LIVESON: http://liveson.org/connect.php.

[6] Siehe http://eterni.me/.

[7] Siehe The Digital Beyond blog (http://www.thedigitalbeyond.com/), Passare (http://www.passare.com/how-manage-your-digital-assets-0), Digital Death (http://www.digitaldeath.eu/), My Digital FootPrint (http://www.mydigitalfootprint.com/), Digital Dust blog (http://digital-era-death-eng.blogspot.co.il/), zur Problematik digitaler Daten, oder Your Digital Afterlife: When Facebook, Flickr and Twitter Are Your Estate, What’s Your Legacy? (New Riders Press, 2011) von Evan Carroll.

[8] In De la grammatologie schreibt Derrida über sous rature, einer Weise, simultan zu löschen und eine Spur zu hinterlassen, die auf die Löschung verweist. Interessanterweise führt Gayatri Chakravorty Spivak in der Einleitung zur englischen Übersetzung den Unterschied zu Heideggers Verwendung des Begriffs auf „eine unausdrückbare Anwesenheit“ zurück, welche die „Markierung der Abwesenheit einer Anwesenheit“ ist, „einer immer schon abwesenden Gegenwart“. (Derrida, 1967: xvii).

[9] Siehe eine exemplarische Nachricht aus dem Jahre 2006: http://news.cnet.com/Taking+passwords+to+the+grave/2100-1025_3-6118314.html

[10] Siehe http://www.news.com.au/entertainment/celebrity-life/jennifer-lawrence-nu...

[11] Siehe die Facebook Regelung zu Gedenkzustand und Löschung: https://www.facebook.com/help/359046244166395/

[12] Siehe https://www.facebook.com/help/480409628639043

[13] Siehe https://www.facebook.com/help/125338004213029

[14] Siehe die Bedingungen zu den Server Protokolldateien: http://www.google.com/policies/privacy/key-terms/#toc-terms-server-logs

[15] https://support.google.com/websearch/answer/465?hl=en

[16] Siehe NYT Bericht zum Dialekt-Quiz: http://www.nytimes.com/interactive/2013/12/20/sunday-review/dialect-quiz... und der ursprüngliche Blog Post, welcher die Fragen detailliert, https://brooksreview.net/2014/01/i-see-you/.

[17] Siehe Artikel: http://www.dailytech.com/Prof+Calls+Out+Facebook+et+al+For+Hoarding+Dead....

[18] Siehe Artikel auf Spiegel Online: http://www.spiegel.de/international/business/court-imposes-right-to-be-f...

 

Zitierte Arbeiten

Barad, Karen. Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning. Durham: Duke University Press,2007. Print.

Barthes, Roland. Journal de Deuil. Paris: Éditions du Seuil, 2009. Print.

Chun, Wendy Hui Kyong. Programmed Visions. Cambridge: The MIT Press, 2011. Print.

Derrida, Jacques. Archive Fever: A Freudian Impression. Chicago: University of Chicago Press, 1996. Print.—. Of Grammatology. Trans. Gayatri Chakravorty Spivak. Baltimore: John Hopkins University Press, 1997.

Hadziselimovic, N., Vukojevic, V., Peter, F., Milnik, A., Fastenrath, M., Fenyves, B. G.,... Stetak, A. (2014). “A plastic nervous system requires the ability not only to acquire and store but also to forget”. Cell 156.6 (2014): 1153–1166. Print.

Kirschenbaum, Matthew. Mechanisms: New Media and the Forensic Imagination. Cambridge: The MIT Press, 2008. Print.

Mayer-Schönberger, Viktor. Delete: The Virtue of Forgetting in the Digital Age. Princeton: Princeton University Press, 2009. Print.

Nader, Karim; Schafe, Glenn E.; LeDoux, Joseph E. “Fear memories require protein synthesis in the amygdala for reconsolidation after retrieval”. Nature 406 (2000): 722–726. Print.

Parisi, Luciana. Contagious architecture: computation, aesthetics, and space. Cambridge: The MIT Press, 2013. Print.

Stiegler, Bernard. “Die Aufklärung in the Age of Philosophical Engineering”. Computational Culture 2 (2012): n. pag. Web. December 2014.

Veröffentlicht in Datafied Research, Journal Issues Verschlagwortet mit: archive, datafication, death, erase, materiality, network

 

Konzept: Audrey Samson

Umsetzung, Workshop: Ushi Reiter

Ein Workshop zur Einbalsamierung bietet den Teilnehmer*innen die Möglichkeit, ihre eigene digitale Daten-Bestattung durchzuführen und mitgebrachte Daten beizusetzen. Er orientiert sich an den „Snowden Files“ und untersucht Fragen zu Überwachung und „Datafizierung“. Die Teilnehmer*innen können ein 'einbalsamiertes' Datenrelikt mit nach Hause nehmen. Die Einbalsamierung findet unter Hinweis auf Gesundheits- und Sicherheitsrisiken statt.

 

Ausstellungseröffnung: Do, 16. März 2017, 19.00 Uhr

Performance: Data Undertaker mit Audrey Samson: Do, 16. März 2017, 19.30 Uhr

Artists’ Meeting und Workshop, Videokonferenz London – Linz – Graz: Mi, 29. März 2017, 18.00 – 21.00 Uhr, Teilnahme frei, Anmeldung bis 24. März per Mail an esc@mur.at

Finissage: Fr, 28. April 2017, 19.00 Uhr

  • © esc mkl, Foto: Maryam Mohammadi_Ausstellungsansichten
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  • Eröffnung Goodnight Sweetheart, Konzept: Audrey Samson, Umsetzung: Ushi Reiter, Foto: Maryam Mohammadi
  • Eröffnung Goodnight Sweetheart, Konzept: Audrey Samson, Umsetzung: Ushi Reiter, Foto: Maryam Mohammadi
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  • Artist's Meeting und Workshop, Videokonferenz London - Linz - Graz, Foto: Lisa Horvath, © esc medien kunst labor
  • Artist's Meeting und Workshop, Videokonferenz London - Linz - Graz, Foto: Screenshot Videokonferenz, © esc medien kunst labor
  • Artist's Meeting und Workshop, Videokonferenz London - Linz - Graz, Foto: Lisa Horvath, © esc medien kunst labor
  • Artist's Meeting und Workshop, Videokonferenz London - Linz - Graz, Foto: Lisa Horvath, © esc medien kunst labor
  • Artist's Meeting und Workshop, Videokonferenz London - Linz - Graz, Foto: Lisa Horvath, © esc medien kunst labor
  • Artist's Meeting und Workshop, Videokonferenz London - Linz - Graz, Foto: Screenshot esc
  • Artist's Meeting und Workshop, Videokonferenz London - Linz - Graz, Foto: Screenshot esc
  • Artist's Meeting und Workshop, Videokonferenz London - Linz - Graz, Foto: Screenshot servus.at
  • Artist's Meeting und Workshop, Videokonferenz London - Linz - Graz, Foto: Screenshot servus.at