2009

NETWORKED CULTURES

Kulturen des Netzwerkens

Zu einem Zeitpunkt, da Wissen, Erkenntnis und Forschung zunehmend von Konzernen und anderen Interessensgruppen privatisiert und damit der Zugang kontrolliert (kommerzialisiert) wird, gibt es in der Debatte um Geistiges Eigentum (Intellectual Property) eine Strömung, die von Personen getragen wird, die keine Milliardengeschäfte oder politische Macht mit patentiertem Wissen anstreben, sondern ihre Arbeitsweise, ihre Kunst, ihre Netzwerke ganz bewusst offen halten und damit einen freien Zugang zu Erkenntnis und Information ermöglichen.

Im Rahmen des Jahresprogramms der ESC 2009 soll die Auseinandersetzung mit Zukunftsperspektiven unserer Gesellschaft forciert werden. Dabei sind Überlegungen zum eingesetzten Material ebenso wichtig wie die Reflexion über die Wahl der Werkzeuge, und die Medien, mit denen ein künstlerisches Werk realisiert wird, und ebenso die Netzwerke, auf die wir uns stützen können. 

Welche Netzwerke sind es, auf die wir uns stützen können? Was bleibt übrig von der Kunst angesichts von Geldentwertung und Wirtschaftskrise?

Wenn wir Netzwerk-Technologien ernst nehmen, müssen wir uns fragen: was folgt auf die anfängliche Begeisterung? Was passiert, nachdem wir uns verlinkt haben, FreundInnen geworden sind, und uns sogar ab und zu treffen? Wird Netzwerken interpretiert werden als eine weitere Ebene unverbindlichen sozialen Austauschs oder werden die Verbindungen ernsthafter? Welchen Einfluss haben Netzwerke langfristig gesehen auf unsere Gesellschaft? Bewegen wir uns einfach von einer Plattform zur nächsten Initiative, dem globalen Schwarm folgend? Wollen wir unser soziales Netz tatsächlich immer mit uns tragen? Wie gehen wir um mit dem Hype rund um Web 2.0? Sind die andauernden Aufforderungen, sich zu vernetzen, eine Plage, sollten wir diese Webseiten als neue Art des Telephonbuchs sehen oder eher als etwas, das neue Formen von Zusammenarbeit stärkt? Werden wir zu unseren dichten Alltagsleben zurückkehren, wenn der Trend zum Netzwerken vorbei ist, oder werden wir uns dem Netzwerken im Virtuellen verpflichten? 

Da KünstlerInnen, ForscherInnen und KulturarbeiterInnen in diese Ideen von Netzwerken eingesponnen sind, scheint es naheliegend, gemeinsam nachzufragen und nachzuforschen, was passiert, wenn Netzwerke zu einer treibenden Kraft werden. 

Wie Ned Rossiter in seinem 2006 erschienen Buch Organized Networks ausführt, sind Treffen im realen Raum essentiell für Netzwerke, wenn "das Netzwerk beweglich bleiben will, Beziehungen bestärkt und neue ermöglicht, vorhandene Ideen überprüft und neue entwickelt."
Organisierte Netzwerke 
Medientheorie
Organized Networks
Media Theory

Das Zelebrieren von Netzwerk-Kulturen als offen, dezentralisiert und horizontal läßt die politischen Dimensionen von Arbeit und Leben in informellen Zeiten zu leicht vergessen. Das Buch Organized Networks zielt darauf ab, diese Mythen zu zerstören, indem es die Antagonismen aufdeckt, die innerhalb der Vorstellungswelten und Debatten über "Internet Regierung", Arbeitsausbeutung innhalb der Creative Industries und der Ästhetik vom globalen Finanzkapital exisitieren. Mit einem Querschnitt durch Medientheorie, politische Philosophie und Kulturkritik diagnostiziert Rossiter einige der Schlüsselfragen aktueller Netzwerke. Was sind die Kernressourcen für Netzwerke? Und wie können sie ev. zur Entwicklung neuer, stabiler Plattformen beitragen? Diese Fragen sind zentral für das Überleben von Netzwerken in einer post-dotcom Epoche. Abgeleitet von Forschungsprojekten und Erfahrungen durch die direkte Teilnahme an Netzwerken zeigt Rossiter eine Reihe von strategischen Konzepten, um die aktuellen Transformation von Netzwerken hin zu politischen und kulturellen Netzen zu erklären. 

Wir wollen diesen Ansatz umsetzen, indem wir auch im kommenden Programmjahr wieder etliche KünstlerInnen und TheoretikerInnen aus dem In- und Ausland nach Graz bringen und uns um regen Austausch mit in Graz lebenden KünstlerInnen, diversen Instituttionen und Bildungseinrichtungen und dem interessierten Publikum bemühen. 

Reni Hofmüller