2005

Kollektive

Warum nicht auf dem Kopf gehen, mit den Stirnhöhlen singen, mit der Haut sehen, mit dem Bauch atmen, die einfachste Sache, Entität, voller Körper, auf der Stelle reisen, Anorexie, sehende Haut, Yoga, Krischna, Love, Experimentieren. Wo die Psychoanalyse sagt: Halt, findet euer Selbst wieder!, müsste man sagen: Gehen wir noch viel weiter, wir haben unseren oK (organlose Körper) noch nicht gefunden, unser Selbst noch nicht genügend abgebaut. Deleuze / Guattari (1992)

Wie in den vorangegangenen Jahren ist auch für 2005 eine Kombination aus Ausstellungsprojekten und worklabs geplant, die auf Entwicklung und Vermittlung neuer Technologien angelegt sind, mit daraus resultierenden Installationen und Kooperationen mit KünstlerInnen aus verschiedenen Bereichen der Medien- und Informationskunst.

Der Tradition der ESC folgend, werden zum einen die derzeit aktuellen Strömungen aufgespürt und gezeigt; gleichzeitig geht es auch um die kontinuierliche Beobachtung und Weiterentwicklungen von bereits existierenden Projekten.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht 2005 das ?Kollektiv?, als Erweiterung der Arbeitsform in der Kunstproduktion, als unsichtbares Kontrollinstrument, als realistische Einschätzung der Arbeitswirklichkeit im Bereich der Informationskunst als Kunstsparte mit hochgradigen Spezialisierungen.Es geht dabei also weniger darum, Identitätspolitiken einfach aufzugeben, sondern um den Versuch, sie zu erweitern und ihre möglichen Komplexitäten greifbarer zu machen. Dabei geht es auch ganz zentral um Körperpolitiken und damit verbundene Formbarkeits- und Kontrollvorstellungen. Thematisch schliesst die ESC damit an das Programm vergangener Jahre an. Insbesondere auf der Ebene politischer Ästhetik wird deutlich, wie prekär die Körperlichkeit des Menschen angesehen werden muss.

Foucault entwickelte seit den frühen 1970er Jahren eine Theorie der disziplinierenden Macht, welche sich in den individuellen und den kollektiven Körper einschreibt, um Wissen als Machtinstrument zu internalisieren und zu institutionalisieren. Im Gegensatz dazu lässt sich der organlose Körper (Deleuze/Guattari) als scheinbar aktuell gültige und funktionstüchtige Projektionsfläche positionieren.

Als 'ortloser Ort' lässt der organlose Körper "Intensitäten passieren und zirkulieren", um unabhängig von Raum oder Materie, also in einem quasi-theoretischen Zustand neue Intensitäten entstehen zu lassen. Inwiefern diese Intensitäten als ästhetische oder politische Bewegungen jenseits der Körpergrenzen wirksam werden können, hängt von der Reaktion der Umgebung der Körper ab.

[...] not only has production become more flexible, but [...] modes of representation have become more flexible as well, and I am including marketing here as a form of representation, as well as considering self-representation as a form of marketing, at least in the arena of cultural production. Taylor

Transformation des Individuums in eine Masse, des Subjekts in ein Objekt, des Bildes in ein anderes. Die Funktionalisierung der Kollektive, Masken und Anonymitäten reicht in sozialen Konflikten von ihrem Gebrauch als Folien, als "[v]om Interesse diktierte Zuschreibungen" zur Sicherung der herrschenden Machtverhältnisse bis zu ihrem subversiven Einsatz als Strategie einer Gegenbewegung. Wenn ein soziales Subjekt, sowohl ein Individuum als auch eine Gruppe, mit diesen Zuschreibungen spielt und sie stört, kann es die klassifizierende und kategorisierende Wahrnehmung und Konstruktion steuern und " aktiv das für seine Merkmale vorteilhafteste Klassifikationssystem [durchsetzen] oder aber dem herrschenden System den Inhalt [aufzwingen], der am nachdrücklichsten das zur Geltung bringt, was es ist und was es hat." Bourdieu spricht in diesem Falle von einem 'Kampf der Klassifikationssysteme'. Vor allem der Prozess und die Wirkung einer Kollektivierung, weniger im Sinne einer reduktiven Auflösung des Individuums in der Masse oder in einer organisatorischen Hierarchisierung, sondern einer Bewusstwerdung der als gemeinsam erlebt empfundenen Verhältnisse stehen im Mittelpunkt emanzipatorischer Bewegungen. Kollektivierung bleibt dadurch ständig Experiment und unkontrollierbare Versuchsanordnung konstanter Brüche.

Der Ästhetisierung kommt dabei die wichtige Funktion der medialen Vermittlung zu, da sich allein durch sie Erfahrungen kommunizieren und nutzbar machen lassen.

Die Pragmatik des Verschwindens, der non-availability des künstlerischen Subjektes läuft konträr zur Arbeitsweise kultureller Industrie und zu den noch immer weit verbreiteten ästhetischen Rezeptionsmustern der Visualität. Die Verschwindenden KünstlerInnen deuten intensiv auf eine Kritik an den Werkzeugen der Kunstvermarktung hin, welche noch immer den individuellen Star konstruiert und mit einer marktfähigen Aura versieht. Die Praxis des Verschwindens kann auch durch die Tätigkeit in KünstlerInnen-Kollektiven ausgeübt werden.
Die ESC widmet sich 2005 der Vermittlung dieser Strategie.

In einer Kombination aus Ausstellungsprojekten, auf Vermittlung neuer Technologien und neuer Entwicklungen angelegte Worklabs mit daraus resultierenden Installationen und Kooperationen mit KünstlerInnen aus verschiedenen Bereichen der Medien- und Informationskunst sollen die derzeit aktuellen Strömungen aufgespürt, gezeigt und weiterentwickelt werden. Neben den physischen Räumlichkeiten der ESC dient dazu auch der von der ESC betriebene Kunstserver ice.mur.at als Zentrale zur kontinuierlichen Weiterarbeit an den Informationstechnologien.

Die Worklabs

Im Jahr 2005 werden insgesamt 5 Worklabs in der ESC durchgeführt.

Das Worklab hat sich als Form der (Weiter-)Entwicklung von Technologien, Software und Kunstkonzepten v.a. im Bereich der Neuen Medien bewährt. Grundsätzlich ist das Worklab als eine Kombination aus nicht-öffentlichem Aufbau und Experiment und anschließender Veröffentlichung zu verstehen.

Präsentations- und Realisationsräume wie die ESC haben im Bereich der neuen Medienkunst nicht nur die Funktion, die generelle Produktion von neuen Arbeiten durch Raum und Infrastruktur zu ermöglichen, sondern eine Erweiterung der jeweils bereits vorhandenen Arbeitsweise und Austausch über Produktionsmöglichkeiten zu bieten.

Gerade im Bereich der Medienkunst muss grundsätzlich von Produktionsguppen ausgegangen werden, da die Spezialisierungen im technischen Bereich weit fortgeschritten sind und nur wenige KünstlerInnen in sich sämtliches technische Know-How vereinen. Deshalb werden zu den einzelnen Worklabs bis zu 10 Personen aus unterschiedlichen Feldern eingeladen.